Die Energie des Wassers – Wasserkraft im Valposchiavo und seine Bedeutung
- laura1cortesi
- vor 5 Tagen
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Valposchiavo beeindruckt auch durch die Kraft seines Wassers: Kristallklare Bergseen wie der Lago Bianco und tosende Bäche aus Gletscherquellen sind nicht nur Naturwunder, sondern seit über einem Jahrhundert auch Quellen sauberer Energie. Das abgeschiedene Tal im südlichsten Graubünden spielt in der Schweizer Stromversorgung eine erstaunlich grosse Rolle – als Pionier der Wasserkraft, als heutiger Stromexporteur und vielleicht bald als gigantische „Batterie“ der Alpen. Im Folgenden beleuchten wir die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Wasserkraft im Puschlav (Valposchiavo) und erklären, weshalb Poschiavo so wichtig für die Energieversorgung der Region und darüber hinaus ist.
Wussten Sie schon? – Energie aus Wasser im Valposchiavo
Pionierkraftwerk 1906: Schon 1906 ging in Campocologno am Lago di Poschiavo ein Wasserkraftwerk in Betrieb – damals das grösste Hochdruckspeicherkraftwerk Europas. Es markierte den Anfang der Wasserkraftnutzung im Puschlav und bildete den Grundstein für die spätere Stromversorgung weit über das Tal hinaus.
Strom für Bahn und Metropolen: Der im abgelegenen Puschlav erzeugte Strom fand von Anfang an Abnehmer in der Ferne. Bereits ab 1908 lieferte das Kraftwerk Campocologno Elektrizität zur Elektrifizierung der Berninabahn über den Alpenpass – und Versorgungsgebiete wie das benachbarte Veltlin und die Grossstadt Mailand wurden zu Hauptabnehmern der Poschiaviner Wasserkraft. Das Tal avancierte so früh zum Stromexporteur für ganze Regionen.
Leistung und Produktion: Heute betreibt das lokale Energieunternehmen Repower im Tal mehrere grosse Wasserkraftwerke – darunter Campocologno, Robbia und Palü/Cavaglia – mit einer Gesamtleistung von rund 60 MW. Gemeinsam produzieren sie pro Jahr über 300 GWh erneuerbaren Strom, genug für zehntausende Haushalte. Allein das Kraftwerk Campocologno liefert etwa 220 GWh jährlich, was dem Bedarf von rund 50’000 Schweizer Durchschnittshaushalten entspricht.
100 % einheimischer Ökostrom: Statt den Strom nur ins Ausland oder in entfernte Landesteile zu speisen, profitieren inzwischen auch die Einheimischen direkt. Ende 2019 führte Repower zusammen mit der Marke „100% Valposchiavo“ das Zertifikat H2O Valposchiavo für echten Poschiaviner Wasserkraft-Strom ein. Seit 2020 deckt die Gemeinde Poschiavo ihren gesamten Strombedarf mit zertifiziertem einheimischem Wasserkraftstrom – ohne praktisch höhere Kosten.
Zukunftsprojekt Lago Bianco: In der Pipeline (wenn auch vorerst auf Eis gelegt) liegt das visionäre Pumpspeicherprojekt Lagobianco am Berninapass. Das Kraftwerk würde den hochgelegenen Lago Bianco (2234 m ü. M.) über einen 17 km langen Stollen mit dem Lago di Poschiavo (962 m) verbinden und so bei Bedarf gewaltige Mengen Energie speichern und erzeugen. Mit 1’000 MW Leistung könnte es kurzzeitig so viel Strom liefern wie ein grosses Kernkraftwerk. Hochgerechnet wären bis zu 1,5 TWh (1500 GWh) Jahresproduktion möglich – ein Vielfaches der heutigen Talproduktion. Noch bis 2027 besteht eine Baubewilligung, doch die Investitionskosten von rund 3 Mrd. CHF erfordern wohl staatliche Unterstützung, damit das Projekt als „Batterie der Schweiz“ Realität wird.
Energie-Pionier Valposchiavo: Vom ersten Grosskraftwerk zum Stromexporteur
Die Energiegeschichte des Valposchiavo beginnt früh und eindrucksvoll. Bereits 1904 wurde im Tal die Kraftwerke Brusio AG gegründet – der Vorläufer der heutigen Repower AG. Ihr erstes Projekt, das Kraftwerk Campocologno am Südufer des Lago di Poschiavo, nutzte die enormen Höhenunterschiede vom Berninagebiet hinunter ins Tal (über 1200 Meter Gefälle) ideal aus. 1906 ging Campocologno ans Netz und war seinerzeit das leistungsstärkste Hochdruck-Wasserkraftwerk des Kontinents. Es brachte die Elektrizität in eine vormals dunkle Bergregion – und weit darüber hinaus.
Nicht zufällig entstand dieses Pionierkraftwerk nahe der Grenze: Von Anfang an war Export das Geschäft. Fernab der Schweizer Zentren wurden das italienische Veltlin und die Industriemetropole Mailand mit Poschiaviner Strom versorgt. Schon zwei Jahre nach Inbetriebnahme folgte ein prestigeträchtiges lokales Projekt: Campocologno lieferte ab 1908 Bahnstrom für die neu gebaute Berninabahn, die als damals private Bahn elektrischen Betrieb wagen konnte – ein Novum weltweit. Der Erfolg zeigte, welches Potenzial in der alpinen Wasserkraft steckte.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Anlage kontinuierlich ausgebaut und um neue Kraftwerke ergänzt. 1910 nahm das Kraftwerk Robbia bei San Carlo den Betrieb auf (erste Ausbaustufe 1919 fertiggestellt). In den Jahren 1926–1927kamen die Kraftwerksstufe Palü/Cavaglia hinzu, die das Wasser der Gletscherseen Palü und des Cavagliasco-Bachs nutzt. Speisend aus hochgelegenen Stauseen und Speichern auf dem Berninapass entstanden so mehrere Kraftwerksstufen. Das Resultat: Valposchiavo produzierte bald weit mehr Strom, als es selber verbrauchen konnte. Das abgelegene Tal wurde zum bedeutenden Stromlieferanten – erst für Norditalien, später über das Schweizer Hochspannungsnetz auch für andere Kantone.
Die lokale Firma wuchs mit diesen Aufgaben: Aus der Kraftwerke Brusio AG wurde 2000 die Rätia Energie und 2010 schliesslich die Repower AG, ein heute international tätiger Energiekonzern. Bis heute befindet sich der operative Hauptsitz in Poschiavo, was für eine Firma dieser Grösse ungewöhnlich ist. Repower beschäftigt rund 730 Mitarbeitende und erzielte 2024 einen Umsatz von etwa 2,5 Mrd. CHF – beeindruckende Kennzahlen für ein Unternehmen, das wortwörtlich im Bergtal gross geworden ist. Die enge Verbindung zur Region ist Teil der Unternehmens-DNA: Noch immer wird in Poschiavo Strom gehandelt und über wichtige Investitionen entschieden, auch wenn Repower inzwischen in der ganzen Schweiz, in Italien und Deutschland aktiv ist.
Neuer Schwung: Modernisierung und lokaler Ökostrom
Auch über 100 Jahre nach den Anfängen ruht sich das Puschlav nicht auf seiner Energiegeschichte aus – im Gegenteil. In den letzten Jahren flossen massive Investitionen in die Wasserkraft-Infrastruktur, um diese fit für die Zukunft zu machen. Ein Beispiel ist das Kraftwerk Robbia, das seit 1910 ununterbrochen Strom produziert. Repower unterzog die in die Jahre gekommene Anlage ab 2020 einer kompletten Erneuerung – der grössten in der Firmengeschichte. Bis Ende 2023 wurden Turbinen, Generatoren und Druckleitungen für rund 125 Mio. CHF ersetzt, wodurch Robbia nun ca. 10 % mehrerneuerbaren Strom liefert. Damit steigt die Effizienz, ohne neue Eingriffe in die Natur vornehmen zu müssen. Solche Modernisierungen zeigen, wie bestehende Wasserkraftwerke einen Beitrag zur Energiewende leisten: Mehr grüner Strom aus vorhandener Infrastruktur.
Parallel dazu hat sich ein Sinneswandel vollzogen, was die Nutzung des Stroms vor Ort angeht. Früher war es selbstverständlich, dass der im Valposchiavo erzeugte Strom fast vollständig ins nationale Netz oder ins Ausland abgegeben wurde – die lokalen Dörfer bezogen ihren Bedarf wiederum aus dem Verbundnetz, oft ohne zu wissen, dass „ihr“ Strom eigentlich aus dem eigenen Tal stammt. Seit kurzem jedoch profitieren die Einwohner direkt von ihrer Wasserkraft. Ende 2019 lancierte Repower gemeinsam mit der Regionalmarke 100% Valposchiavo das Label „H2O Valposchiavo“. Dieses garantiert, dass Strom mit diesem Zertifikat zu 100 % aus Wasserkraftwerken der Valposchiavo stammt. Die Gemeinde Poschiavo stellte Anfang 2020 als erste Kundin komplett auf H2O-Strom um – seither fliesst bei Haushalten und Betrieben im Dorf nur noch erneuerbarer Ökostrom aus heimischen Bergen aus der Steckdose. Laut Repower änderte sich am Strompreis dabei „praktisch nichts“, doch das Bewusstsein der Bevölkerung für die eigene Energiequelle steigt. Das Projekt fand auch international Beachtung als innovatives Beispiel für lokale Wertschöpfung durch erneuerbare Energie.
Die Verankerung der Energie im Tal zeigt sich zudem im Tourismus: Um Besuchern die lange Tradition und Technik der Wasserkraft näherzubringen, hat die regionale Tourismusorganisation zusammen mit Repower den Themenweg „Via Energia“ eingerichtet. Dieser Lehrpfad führt vom hochalpinen Ospizio Bernina hinab nach Cavaglia und macht auf 8 Kilometern die Welt der Energie erlebbar – mit 11 Infotafeln zu Geschichte, Klimawandel, Turbinen und Co. So wird die Wasserkraft selbst zum Erlebnis, und das Tal präsentiert sich einmal mehr als Vorreiter für nachhaltige Innovation.
Blick nach vorn: Eine „Batterie“ in den Bündner Bergen?
Mit seiner vorhandenen Speicherinfrastruktur – den Bergseen, Stauseen und Höhenunterschieden – verfügt das Valposchiavo über ein enormes Zukunftspotenzial in der Energieversorgung. Das ambitionierteste Vorhaben in diesem Zusammenhang ist das geplante Pumpspeicherkraftwerk Lago Bianco. Die Idee: Wasser aus dem Lago di Poschiavo(ca. 960 m ü. M.) wird bei Stromüberschuss in den höhergelegenen Lago Bianco am Berninapass (2234 m) hinaufgepumpt. Bei Bedarf – etwa bei Spitzenlastzeiten abends im Winter – lässt man das Wasser turbinengetrieben wieder ins Tal schiessen. Über einen gewaltigen unterirdischen Druckstollen von 17–18 km Länge und einen 2,5 km Schacht würde das Wasser eine Fallhöhe von über 1200 Metern überwinden. Die geplante Leistung der Anlage liegt bei 1’000 MW, was jener eines grossen Kernkraftwerks entspricht. Tatsächlich könnte das Pumpspeicherwerk kurzzeitig so viel Strom erzeugen wie das AKW Gösgen, nämlich wenn es rund 30 Stunden auf Volllast läuft. Als „Batterie“ könnte Lago Bianco gewaltige Energiemengen zwischenspeichern – geschätzt bis zu 1,5 Terawattstunden pro Jahr – und bei Bedarf ins Netz abgeben.
Die Bevölkerung von Poschiavo stand dem Projekt offen gegenüber: In einer Abstimmung im Jahr 2010 sprachen sich 78 % der Stimmbürger für das Vorhaben aus. Die Behörden erteilten 2015 die Konzession, und ursprünglich sollte der Bau längst begonnen haben. Doch wegen der drastisch veränderten Strommarktbedingungen (stark gesunkene Preisdifferenzen zwischen Tag und Nacht in den 2010er-Jahren) legte Repower das Projekt auf Eis. Bis mindestens 2019 wollte man zuwarten – dieser Aufschub dauert bis heute an. Zwar hat sich die Lage durch die Energiewende erneut geändert: Mit dem Ausbau von Sonne und Wind kommt es zeitweise zu Stromüberschüssen und sogar negativen Strompreisen am Mittag, was Pumpspeichern wieder bessere Chancen eröffnet. Dennoch scheut Repower bislang die gewaltige Investition von rund 2,5–3 Mrd. CHF ohne gesicherte Förderung. Die aktuell bis 2027 gültige Baubewilligung will man vorsorglich verlängern lassen. Für einen Baustart bräuchte es aber wohl substantielle Bundesbeiträge – Repower stellt sich etwa 60 % Subvention analog zu grossen Solarprojekten vor.
Ob und wann Lago Bianco Realität wird, ist also noch ungewiss. Fest steht jedoch, dass das Valposchiavo damit ein Schlüsselelement bereithält, um die Schweizer Stromversorgung der Zukunft zu stärken. Schon jetzt wird das Tal gerne als Beispiel dafür genannt, wie die Schweiz „im Herzen Europas zur Batterie werden“ kann. Die Kombination aus natürlichen Speichern, bestehender Infrastruktur (Staumauern, Kraftwerkleitungen, Bahn) und lokalem Know-how macht Poschiavo nahezu prädestiniert für ein Grossspeicher-Projekt. Selbst wenn es vorerst beim Konzept bleibt, hat die Region mit ihrer Wasserkraft schon heute einen wichtigen Anteil an der nachhaltigen Energieproduktion.
Valposchiavo steht damit exemplarisch dafür, wie eine kleine alpine Region Grosses zur Energieversorgung beitragen kann. Vom frühen Mut, Wasserkraftwerke in entlegenen Bergen zu errichten, über innovative lokale Nutzung bis zu visionären Projekten für die Zukunft: Das Puschlav zeigt, dass Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können – zum Nutzen der Einwohner und weit darüber hinaus, bis in die Metropolen, die der saubere Strom aus dem Süden erreicht.
Weiterführende Links
Destination & Hintergrund: https://valposchiavo.ch
Eventübersicht 2026: https://valposchiavo.ch/de/events
Holiweek: https://www.holiweek.ch

Quellen:
Naturmetropole Graubünden. (2023). Zu Besuch bei Repower: Strom aus Poschiavo für ganz Europa: https://naturmetropole.ch/de/arbeiten/innovation-talente/repower/zu-besuch-bei-repower-strom-aus-poschiavo-fuer-ganz-europa#:~:text=Kuhnert%20sicher%2C%20dass%20der%20Stromhandel,»
Repower AG. (2023). Unsere Geschichte – Meilensteine seit 1904: https://www.repower.com/ch/ueber-uns/geschichte#:~:text=Die%20Geschichte%20von%20Repower%20beginnt,den%20Berninapass%20nach%20Norden%20abgeführt
Repower AG. (2025). Medienmitteilung: Erneuerung des Kraftwerks Campocologno erfolgreich abgeschlossen: https://www.repower.com/ch/medienmitteilungen/kw-campocologno#:~:text=In%20Campocologno%201%20sind%20heute,Erhalt%20der%20bestehenden%20Kraftwerke%20vorsieht
Engadiner Post. (2020, 16. Juni). 125-Millionen-Investition in heimische Wasserkraft: https://www.engadinerpost.ch/news/2020/6/16/125-Millionen-Investition-in-heimische-Wasserkraft#:~:text=Das%20Repower%20Kraftwerk%20Robbia%20bei,heimischen%20Strom%20aus%20Wasserkraft%20produzieren
Café Europe (punkt4.info). (2019, 31. Oktober). Grüner Strom aus dem Puschlav erhält Zertifikat: https://punkt4.info/nachrichten/detail/news/gruener-strom-aus-dem-puschlav-erhaelt-zertifikat/#:~:text=Das%20neue%20Zertifikat%20H2O%20Valposchiavo,Angaben%20zufolge%20„praktisch%20nichts%20ändern“
Aargauer Zeitung / Watson. (2022, 27. Juli). Wie die Schweizer Energiepolitik beim Lago Bianco zum Stillstand führte: https://www.thurgauerzeitung.ch/schweiz/pumpspeicher-dieses-kraftwerk-mit-der-leistung-eines-akw-goesgen-koennte-sofort-gebaut-werden-was-das-ueber-die-schweizer-energiepolitik-aussagt-ld.2649520
Baublatt. (2013, 27. Nov.). Pumpspeicherkraftwerk Lagobianco verzögert sich um Jahre: https://www.baublatt.ch/baubranche/pumpspeicherkraftwerk-lagobianco-verzoegert-sich-um-jahre-11955#:~:text=Bei%20dem%20Projekt%20handelt%20es,Leitung%20ans%20Stromnetz
Valposchiavo Tourismus. (2024). Lehrpfad Via Energia – Themenweg von Repower: https://valposchiavo.ch/de/explore/tou_4kq_iafbcacig#:~:text=Was%20ist%20unter%20Energie%20zu,Energie%2C%20Klimawandel%2C%20Wasserkraft%20und%20Stromproduktion

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