Valposchiavo im Wandel – nachhaltige Entwicklung & Innovation
- laura1cortesi
- 4. Jan.
- 8 Min. Lesezeit
Valposchiavo beeindruckt mit unberührter Natur wie dem Bergsee Lago Saoseo – ein Symbol für das nachhaltige und sanfte Tourismusprofil des abgelegenen Tals im südländischen Graubünden.
Valposchiavo (deutsch Puschlav) ist ein idyllisches Alpental im Kanton Graubünden, das besonders für Nachhaltigkeit, lokale Produkte und sanften Tourismus bekannt ist. Das 25 km lange Tal verbindet schweizerische und italienische Einflüsse und überrascht mit einer Fülle an Seen, Berglandschaften und malerischen Dörfern. Im Folgenden werfen wir einen Blick auf aktuelle Zahlen und Fakten aus den Bereichen Tourismus, Innovation, Landwirtschaft, Energie und Mobilität – und zeigen, was dieses Tal so einzigartig macht.
Wussten Sie schon? – Valposchiavo im Wandel
Tourismus-Boom 2021: Im Jahr 2021 verzeichneten die Hotels im Valposchiavo 83’821 Übernachtungen, fast 30 % mehr als im Vorjahr (etwa 20’000 zusätzliche Logiernächte). Damit setzte sich der Wachstumstrend fort – seit 2015 steigen die Übernachtungszahlen im Schnitt um rund 7 % pro Jahr. Erfahren Sie mehr: htr.ch.
100 % Bio-Tal: Heute werden im Valposchiavo über 97 % der landwirtschaftlichen Flächen nach Bio-Suisse-Richtlinien bewirtschaftet – ein nahezu einzigartiger Wert weltweit (Erfahren Sie mehr: valposchiavo.ch). Über 60 lokale Betriebe der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung sowie 13 Restaurants tragen das Label „100% Valposchiavo“ für regionale Bio-Qualität, ebenso mehr als 150 zertifizierte Produkte von Buchweizen-Pasta bis Bergkäse (Erfahren Sie mehr: swisstastes.ch).
Auszeichnungen en masse: Das Puschlav wurde im Dezember 2021 von der UN-Welttourismusorganisation als eines der 44 besten Tourismusdörfer weltweit ausgezeichnet (Erfahren Sie mehr: htr.ch). Innovative Projekte aus dem Tal gewannen zahlreiche Preise – vom Milestone-Preis 2016 für Nachhaltigkeit über den CIPRA-Award bis zum Innovationspreis 2021 des Bündner Gewerbeverbands (Erfahren Sie mehr: swisstastes.ch).
Saubere Energie für alle: Die lokale Energiefirma Repower betreibt im Tal mehrere Wasserkraftwerke (u. a. Robbia, Palü und Campocologno) und hat 2019 zusammen mit „100% Valposchiavo“ das Zertifikat H2O Valposchiavo lanciert (Erfahren Sie mehr: punkt4.info). Seit 2020 bezieht die Gemeinde Poschiavo ihren Strom vollständig aus zertifiziertem einheimischem Wasserkraft-Strom.
Nachhaltige Mobilität: Das Tal ist nur per Auto oder Bahn erreichbar – letzteres dank der historischen Berninabahn (UNESCO-Welterbe seit 2008). Als erste Region Graubündens setzte Valposchiavo im öffentlichen Verkehr sogar elektrische Postautos ein (Erfahren Sie mehr: houseofswitzerland.org).
Tourismus im Valposchiavo: Klein, fein und im Aufwind
Trotz seiner Abgeschiedenheit erlebt das Puschlavertal seit einigen Jahren einen touristischen Aufschwung. Bereits 2018 zählte man rund 57’750 Hotel-Übernachtungen, etwa 6’000 mehr als 2017 (Erfahren Sie mehr: suedostschweiz.ch). In den besonderen Jahren 2008 (UNESCO-Auszeichnung der Bernina-Bahn) und 2010 (100-Jahr-Jubiläum der Bahn) wurden sogar über 60’000 Übernachtungen erreicht. Im Zuge des „Corona-Booms“ im Inlandtourismus konnte das Tal jedoch alle früheren Rekorde brechen: 2021 brachte mit 83’821 Logiernächten die höchste je registrierte Zahl. Diese Zahlen sind allerdings immer noch bescheiden im Vergleich zu grossen Destinationen: Mit rund 60’000–80’000 Übernachtungen pro Jahr bleibt der Tourismus in Valposchiavo bewusst überschaubar und nachhaltig. Massentourismus sucht man hier vergebens. Die Strategie des Tals lautet dabei: Gäste mit authentischen Erlebnissen zu längeren Ferien animieren – zum Nutzen von Gastronomie, Detailhandel und Kultur vor Ort. Auch qualitativ hat der Tourismus im Puschlav Rückenwind durch internationale Anerkennung. Anfang Dezember 2021 wurde Poschiavo von der UNWTO in den Kreis der „Best Tourism Villages“ der Welt aufgenommen – als eines von nur drei Dörfern in der Schweiz, die dieses Prädikat tragen (Erfahren Sie mehr: htr.ch). Passend dazu erhielt das Mountainbike-Projekt “Vivabike Valposchiavo” 2021 den IMBA-Award als innovativste Trail-Crew weltweit (Erfahren Sie mehr: htr.ch). Die vielfältigen Preise zeigen: Valposchiavo Turismo hat es geschafft, den Tourismus im Tal zukunftsorientiert und im Einklang mit Natur und Kultur zu entwickeln.
Innovative Projekte: 100% Valposchiavo, Holiweek und mehr
Im Zentrum der touristischen und regionalen Innovation steht das Projekt „100% Valposchiavo“, das 2012 ins Leben gerufen wurde. Es handelt sich um eine Kooperation zwischen Landwirtschaft, Gewerbe und Tourismus, mit dem Ziel, lokale Wertschöpfungsketten zu schliessen (Erfahren Sie mehr: sustainability-leaders.com). Dieses ambitionierte Vorhaben erzielte bereits nach wenigen Jahren spürbare Ergebnisse: Über 90 % der Bauernbetriebe stellten auf Bio-Anbau um und bieten ihre Erzeugnisse unter dem Label 100% Valposchiavo an (Erfahren Sie mehr: houseofswitzerland.org). 60 Verarbeitungsbetriebe – von Käsereien über Metzgereien bis Bäckereien – arbeiten streng nach den Kriterien und dürften ihre Waren mit dem grünen Logo versehen. Insgesamt wurden schon über 200 Produkte zertifiziert, von traditionellen Puschlaver Pasta (Buchweizennudeln) über Bergkäse und Trockenfleisch bis hin zu Kräutertees (Erfahren Sie mehr: swisstastes.ch).
Für seine Vorbildrolle in Sachen nachhaltiger Regionalentwicklung hat 100% Valposchiavo viele Preise gewonnen. So gab es 2016 den renommierten Milestone Award im Tourismus (Kategorie Nachhaltigkeit) sowie den CIPRA Schweiz-Preis für nachhaltigen Tourismus. 2017 folgte ein Wirtschaftspreis (SVSM-Award für lokale Projekte) und 2019 eine EU-Auszeichnung im Rahmen von Horizon 2020. Schliesslich wurde das Kooperationsprojekt 2021 mit dem Innovationspreis Graubünden geehrt.
Neben grossen Initiativen gibt es zahlreiche kleinere Innovationen. Ein Beispiel ist Holiweek, ein familiengeführtes Angebot für nachhaltige Ferien im Puschlav. Die Familie Cortesi hat mehrere traditionelle Häuser und Rustici behutsam renoviert und als Ferienunterkünfte eingerichtet. Urlauber können so „wie Einheimische“ im Tal wohnen – in rustikalem Ambiente, mit modernem Komfort, aber ganz ohne Hotelkomplex. Die Holiweek-Unterkünfte liegen ruhig, sind teilweise mit 100% erneuerbarem Strom betrieben, bieten Grillstellen im Garten und sind ideale Ausgangspunkte zum Wandern, Biken oder Skifahren. Dieses Konzept der Beherbergung fügt sich perfekt in das nachhaltige Tourismusmodell des Tals ein. Weitere kreative Jungunternehmer widmen sich neuen Produkten: So gibt es seit kurzem wieder Olivenhaine auf brachliegendem Land, um eigenes Bio-Olivenöl zu gewinnen, oder experimentelle Gemüseprojekte, die die kurze Alp-Saison mit Gewächshäusern verlängern. Valposchiavo zeigt, wie Innovationsgeist auch in einem kleinen Bergtal Grosses bewirken kann. (Erfahren Sie mehr: holiweek.ch)
Landwirtschaft: Ein Tal wird 100 % Bio
Das Tal zählt etwa 50 Landwirtschaftsbetriebe. Etwa 15 % der Einwohner von Valposchiavo arbeiten im primären Sektor (Agrarwirtschaft) – im Vergleich dazu sind rund 8 % im Tourismus beschäftigt. Die kleinstrukturierte Landwirtschaft bringt eine erstaunliche Produktvielfalt hervor: Von Getreide (traditionell Roggen und heute wieder vermehrt Buchweizen und Gerste) über Milchwirtschaft (Alpkäse, Joghurt, Butter) bis zu Fleisch und Wurstwaren (Grauvieh, Ziegen, Schweine) ist alles vertreten. Dazu kommen Spezialitäten wie Kräuter und Tee, Honig, Obst und Beeren – und neuerdings sogar Weinbau und Olivenöl in kleinem Umfang. Bemerkenswert ist die hohe Dichte an Verarbeitungsbetrieben im Tal: Es gibt u.a. 4 Bäckereien, 4 Metzgereien, 6 Weinkeller, 2 Brauereien, 1 Nudelfabrik und 1 Molkerei/Käserei, die lokal produzieren. Diese Unternehmen veredeln die Rohprodukte weiter, so dass ein grosser Teil der Wertschöpfung in der Region bleibt – ganz im Sinne kurzer Wege vom Hof auf den Teller.
Energie: Wasserkraft und grüne Elektrizität aus dem Puschlav
Die Energieversorgung des Valposchiavo ist seit jeher geprägt von Wasserkraft. Tatsächlich beginnt die Geschichte des heutigen Energieunternehmens Repower AG im Jahr 1904 im Puschlav, als die damalige Kraftwerke Brusio AG gegründet wurde. Schon 1906 ging mit dem Kraftwerk Campocologno am Lago di Poschiavo eines der seinerzeit grössten Wasserkraftwerke Europas ans Netz. Die steilen Höhenunterschiede vom Berninagebiet hinunter ins Tal boten ideale Voraussetzungen für leistungsstarke Hochdruckanlagen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts kamen weitere Anlagen hinzu, u.a. das Kraftwerk Robbia (Inbetriebnahme 1919–1921) sowie das Stufenwerk Palü/Cavaglia (1926–1927) (Erfahren Sie mehr: engadinerpost.ch). Diese Kraftwerke, speist aus Gletscherseen und Bächen, produzierten Strom weit über den Eigenbedarf des Tals hinaus – Valposchiavo wurde so zu einem Stromexporteur. Repower (früher Rätia Energie) hat bis heute seinen operativen Hauptsitz in Poschiavo und ist international tätig, mit rund 730 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 2,5 Mrd. CHF (Stand 2024).
Aktuell investiert Repower massiv in die Modernisierung der Wasserkraft im Tal. Das Kraftwerk Robbia bei San Carlo – seit über 100 Jahren in Betrieb – wird bis Ende 2023 für 125 Mio. CHF komplett erneuert. Durch effizientere Turbinen soll es danach rund 10 % mehr erneuerbaren Strom erzeugen (Erfahren Sie mehr: engadinerpost.ch).
Ein besonderes Kapitel ist die Stromnutzung vor Ort. Bisher wurde der im Tal produzierte Wasserkraftstrom überwiegend ins schweizerische und italienische Netz abgeführt – künftig jedoch profitieren die Einwohner direkt: Ende 2019 führte Repower zusammen mit der Marke 100% Valposchiavo das Label „H2O Valposchiavo“ein. Dieses garantiert, dass der Strom aus Wasserkraftwerken im Tal stammt. Als erster Kunde stellte die Gemeinde Poschiavo ab 2020 die Versorgung komplett auf H2O-Valposchiavo-Strom um. Die Haushalte beziehen seither 100 % erneuerbaren Lokalstrom.
Schliesslich lohnt ein Blick in die Zukunft: Repower hält im Puschlav eine Mega-Idee bereit – das geplante Pumpspeicherwerk Lago Bianco. Dieses Projekt, zurzeit zwar auf Eis, sieht ein 1’000-Megawatt-Speicherkraftwerk vor, das den auf 2’234 m gelegenen Lago Bianco (Berninapass) über einen 17 km langen Druckstollen mit dem Lago di Poschiavo (962 m) verbinden würde (Erfahren Sie mehr: baublatt.ch). Klar ist: Das Puschlav verfügt damit über ein enormes Potenzial als „Batterie“ für die Energiewende, dank seiner natürlichen Speicher und bestehender Infrastruktur (Seen, Staumauern, Bahn und Kraftwerksleitungen).
Die regionale Tourismusorganisation fördert zudem weniger bekannte Ziele im Tal und hat z.B. den Themenweg „Via Energia“ mit Repower eingerichtet (Erfahren Sie mehr: valposchiavo.ch), der Besucher zu Fuss die Energiegeschichte des Tals entdecken lässt.
Mobilität: Bernina-Bahn, sanfter Verkehr und Besucherlenkung
Die Erreichbarkeit des Valposchiavo ist Teil seines Charmes. Hauptader ist die berühmte Berninabahn, eine Schmalspurbahn der Rhätischen Bahn, die von St. Moritz über den 2’253 m hohen Berninapass hinab nach Brusio und Tirano (Italien) führt. Diese spektakuläre Strecke mit dem Kreisviadukt von Brusio und dem Ospizio Bernina wurde 2008 zum UNESCO-Welterbe erklärt. Dabei ist nicht nur die Bahnlinie geschützt, sondern auch die umgebende Kulturlandschaft entlang der Strecke.
Auch in der Mobilität hat Valposchiavo Pionierarbeit geleistet: Bereits 2017 wurden im Tal als erste Region Graubündens Elektro-Postautos testweise eingeführt, um den ÖV noch umweltfreundlicher zu machen. Inzwischen verkehren auf der Linie zwischen Tirano, Poschiavo und dem Berninapass elektrische Busse im regulären Betrieb. Dies reduziert Lärm und lokale Emissionen – ein Gewinn für die Einwohner und die Natur.
Zudem werden Gäste aktiv ermutigt, mit der Bahn anzureisen – was viele dank guter Anbindung auch tun. Gemäß Verkehrsdaten reisen etwa ein Drittel der Tagesausflügler und ein Viertel der Übernachtungsgäste in Graubünden generell mit dem ÖV an (Erfahren Sie mehr: graubuenden.ch). Für das Puschlav dürfte dieser Anteil aufgrund der attraktiven Bernina-Verbindung und begrenzter Straßen nicht geringer sein.
Valposchiavo steht heute als lebendiges Beispiel dafür, dass Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können – zum Wohl der Einwohner und der Gäste gleichermassen.

Quellen:
Bundesamt für Statistik. (2023). Tourismus in der Schweiz – Logiernächte, Aufenthaltsdauer und Wertschöpfung. https://www.bfs.admin.ch
Engadiner Post. (2021, Dezember). Valposchiavo unter den besten Tourismusdörfern der Welt. https://www.engadinerpost.ch
Graubünden Ferien. (2022). Touristische Kennzahlen Graubünden 2020–2022. https://www.graubuenden.ch
Hotelrevue (htr). (2022). Valposchiavo blickt auf ein erfolgreiches Tourismusjahr zurück. https://www.htr.ch
International Mountain Bicycling Association. (2021). IMBA Award for Trail Solutions: Vivabike Valposchiavo. https://www.imba.com
Organisation mondiale du tourisme (UNWTO). (2021). Best Tourism Villages by UNWTO – Poschiavo. https://www.unwto.org
Repower AG. (2023). Wasserkraftwerke im Valposchiavo: Geschichte, Modernisierung und Perspektiven. https://www.repower.com
Repower AG. (2019). H2O Valposchiavo – Lokaler Wasserkraftstrom für die Region. https://www.repower.com
Rhätische Bahn. (2024). Berninalinie – UNESCO-Welterbe und Mobilitätsdaten. https://www.rhb.ch
Schweizer Tourismus-Verband. (2022). Swisstainable Destination Portrait: Valposchiavo. https://www.stv-fst.ch
Valposchiavo Turismo. (2023). Tourismusstrategie und Eventkalender. https://valposchiavo.ch
Valposchiavo Turismo. (2023). Statistische Eckdaten zur Destination Valposchiavo. https://valposchiavo.ch
100 % Valposchiavo. (2022). Das Projekt 100 % Valposchiavo – Landwirtschaft, Verarbeitung und Tourismus. https://www.valposchiavo100.ch
Bio Suisse. (2021). Biologische Landwirtschaft in der Schweiz – Regionale Auswertungen. https://www.bio-suisse.ch
CIPRA Schweiz. (2016). Nachhaltigkeitspreis für das Projekt 100 % Valposchiavo. https://www.cipra.org
Universität Bern, Centre for Development and Environment. (2020). Territoriale Entwicklung durch biologische Landwirtschaft: Fallstudie Valposchiavo. https://boris.unibe.ch
All Source
Weiterführende Links
Destination & Hintergrund: https://valposchiavo.ch
Eventübersicht 2026: https://valposchiavo.ch/de/events
Holiweek: https://www.holiweek.ch
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