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100% Bio und 100% Valposchiavo: Wie das Puschlav Herkunft zertifiziert

Das Valposchiavo (Puschlav) ist ein Tal der Extreme: In nur rund 25 Kilometern reicht es vom hochalpinen Bernina-Gebiet bis zur Grenze im Süden – erschlossen durch die Berninabahn und geprägt von einer ausgeprägten Höhen- und Klimastufung. Gleichzeitig ist das Tal in der Landwirtschaft und Kulinarik alles andere als „klein“: Kaum eine andere Region in Schweiz verbindet einen so hohen Bio-Anteil mit einer so konsequenten Idee regionaler Wertschöpfung. [4]


Im Zentrum stehen zwei Begriffe, die oft in einem Atemzug fallen, aber Verschiedenes garantieren: „100% Bio“ beschreibt im Valposchiavo vor allem den Weg zur (nahezu) vollständigen Umstellung der Landwirtschaft auf Bio-Standards – eng gekoppelt an die Richtlinien der Bio Suisse[5]. [6] Das Zertifikat „100% Valposchiavo“ hingegen ist eine territoriale Marke: Sie will nachvollziehbar machen, dass ein Produkt (und bei Restaurants sogar ganze Gerichte) aus geschlossenen lokalen Ketten stammt – vom Rohstoff bis zur Verarbeitung möglichst im Tal. [7]


Wussten Sie schon?

  • 94% Bio-Anteil als Ausgangslage: Laut Informationsmaterial des Projekts werden 94% der Landwirtschaftsfläche im Tal von Betrieben bewirtschaftet, die nach Bio-Suisse-Standards zertifiziert sind – und das wird explizit als schweizweit einzigartig beschrieben. [8]

  • „100% Bio“ ist auch ein offizielles Entwicklungsprojekt: Das Bundes-Factsheet zum PRE 100% Bio Val Poschiavo nennt als Laufzeit 21.01.2020 bis 31.01.2027, Gesamtkosten von rund 15,924 Mio. CHF und einen Bundesbeitrag von rund 4,288 Mio. CHF. [9]

  • Über 150 zertifizierte Tal-Produkte: In Zahlen weist das Projekt „100% Valposchiavo“ über 150 Produkte mit „100% Valposchiavo“ aus und über 50 Produkte mit dem ergänzenden Label „Fait sü in Valposchiavo“. [8]

  • Die 10%-Regel – pragmatisch, aber klar begrenzt: Das Markenreglement erlaubt Zutaten, die im Tal nicht beschaffbar sind, grundsätzlich nur, wenn sie insgesamt maximal 10% des Produktgewichts ausmachen; für bestimmte Produktkategorien kann die Markenkommission Ausnahmen definieren. [10]

  • Kontrolllogik wie bei „echten“ Labels: Das Reglement sieht vor, dass Nutzer:innen der Marke Kontrollen (auch unangekündigte) akzeptieren und mindestens alle drei Jahre überprüft werden; zudem kann eine extern akkreditierte Kontrollstelle beauftragt werden. [11]

  • Charta statt „nur“ Etikett: Neben Produkten können auch Betriebe über eine Charta eingebunden werden; laut Projektunterlagen haben über 30 Betriebe die „Charta 100% Valposchiavo“ unterzeichnet. [12]


Vom regionalen Aufbruch zur Marke mit Regeln

Die Initiative hinter „100% Valposchiavo“ begann laut Regionalentwicklungsanalyse um 2012/13 als gemeinsamer Impuls lokaler Akteure aus Landwirtschaft, Politik, Tourismus und dem (für die Region wichtigen) Energieumfeld; 2014 wurde daraus eine territoriale Marke mit Zertifizierung. [13] Das Ziel war von Anfang an weniger „Souvenir-Shop-Romantik“ als Strukturpolitik: lokale Produkte sollten nicht nur produziert, sondern auch verarbeitet, verkauft und in der Gastronomie sichtbar gemacht werden – damit Wertschöpfung im Tal bleibt. [14]


Formell ist „100% Valposchiavo“ als Projekt laut Markenreglement ein Gemeinschaftsvorhaben, das von der Tourismusorganisation Valposchiavo Turismo[15] zusammen mit Landwirtschafts- und Gewerbeakteuren getragen wird; es führt definierte Marken ein, die Gästen und Einheimischen die Auswahl erleichtern und gleichzeitig eine gemeinsame Vermarktungsplattform schaffen sollen. [16] In der Governance spielt die Markenkommission eine Schlüsselrolle: Sie definiert Kriterien, verabschiedet Reglemente und genehmigt die sektoralen Chartas, über die einzelne Branchen (z.B. Gastronomie, Metzgereien, Läden) die Zusammenarbeit regeln. [17]


Was das Zertifikat „100% Valposchiavo“ tatsächlich garantiert

Im Markenreglement werden zwei Marken sauber unterschieden: „100% Valposchiavo“ und „Fait sü in Valposchiavo“. [18] Beide sind keine Bio-Standards, sondern Herkunfts- und Wertschöpfungsregeln: Sie beantworten die Frage, woher ein Produkt kommt und wo zentrale Verarbeitung stattfindet. [19]


Bei „100% Valposchiavo“ gilt der Kernsatz: Ein Produkt darf die Marke nur tragen, wenn das Produkt selbst oder alle seine Komponenten vollständig aus dem Tal stammen; bei zusammengesetzten Produkten muss zur Rückverfolgbarkeit jede lokale Komponente wiederum zertifiziert sein. [10] Das Reglement arbeitet zugleich mit nachvollziehbaren Ausnahmen: Zutaten, die lokal nicht verfügbar sind, dürfen grundsätzlich nur in engem Rahmen eingesetzt werden (10%-Gewichtsgrenze; plus Möglichkeit einer durch die Markenkommission definierten Produktliste mit Sonderquoten). Zusätzlich gibt es zeitlich begrenzte Ausnahmen für Verarbeitungsschritte, die im Tal (noch) nicht möglich sind – ausdrücklich als Übergangslösung mit dem Ziel, Verarbeitung wieder ins Tal zu holen. [10]


„Fait sü in Valposchiavo“ ist die tweedeilige Antwort auf die Realität moderner Produktion: Ein Produkt kann „im Tal gemacht“ sein, obwohl nicht alle Rohstoffe aus dem Tal stammen. Dafür verlangt das Reglement mindestens einen zentralen Verarbeitungsschritt in Valposchiavo und dass mindestens 75% der Wertschöpfung im Tal generiert werden; zudem muss ein erkennbarer Bezug zur Region (Produkt, Rezept oder Know-how) bestehen. [20]


Ein oft unterschätzter Baustein ist die Charta-Logik: Betriebe können sich per Charta zu Bedingungen verpflichten, und die Marken dürfen nicht beliebig als „Unternehmens-Image“ genutzt werden, sondern grundsätzlich klar bezogen auf zertifizierte Produkte; Charta-Unterzeichnende erhalten dafür eine definierte Möglichkeit, die Zugehörigkeit sichtbar zu machen. [21] Für die Gastronomie ist die Logik besonders greifbar: Im Kontext des Regionalentwicklungsprojekts wird beschrieben, dass sich Betriebe per Charta verpflichten, lokale Produkte zu verwenden und zu fördern. [2] Wissenschaftliche Aufarbeitung verweist zudem auf eine zentrale Regel der Charta in der Verpflegung: mindestens drei Gerichte, die vollständig aus dem Tal stammen und dort zubereitet werden. [22]


„100% Bio“ im Tal: Bio Suisse, Bundeslogik und das PRE als Motor

Während „100% Valposchiavo“ Herkunft und lokale Ketten sichtbar macht, ist „100% Bio“ im Tal eng verbunden mit der Bio-Produktion nach den Regeln von Bio Suisse[5] und der strategischen Absicht, praktisch die gesamte Landwirtschaft entsprechend auszurichten. [6] Bio Suisse ist laut Selbstdarstellung der Dachverband der Schweizer „Knospe“-Betriebe und Eigentümerin der eingetragenen Marke „Knospe“; die Richtlinien definieren Regeln für Erzeugung, Verarbeitung und Handel von Knospe-Produkten. [23]


Wichtig für das Verständnis: In der Schweiz gibt es laut Bundesamt für Landwirtschaft[24] kein staatliches nationales Bio-Label; Bio-Kennzeichnungen privater Träger müssen die Anforderungen der Bio-Verordnung erfüllen, und Betriebe, die Bio produzieren, verarbeiten, handeln oder importieren, werden mindestens jährlich kontrolliert. [25] In dieser Systematik ist „100% Bio“ im Valposchiavo weniger ein zusätzliches Logo als eine Regionalstrategie, die auf etablierten Bio-Standards aufsetzt – allen voran Bio Suisse. [6]


Der konkrete Hebel dafür ist das Projekt zur regionalen Entwicklung (PRE) 100% Bio Val Poschiavo. Das Bundes-Factsheet beschreibt als Schwerpunkt die Verarbeitung, Veredelung und Vermarktung regionaler Bio-Produkte (Milch, Fleisch, Kräuter, Früchte), um die Wertschöpfung in der Landwirtschaft zu steigern. [9] Genannt werden dabei geplante Teilprojekte wie die Erneuerung der Käserei, die Modernisierung eines Trocknungs- und Verarbeitungsbetriebs für Bergkräuter, die Erneuerung der Lagerung/Verpackung in der Kernobstproduktion sowie diverse einzelbetriebliche Investitionen (u.a. Metzgerei, Bioeier, Beeren- und Getreide-Infrastruktur, soziale Integrationsangebote). [9]


Die staatliche Beschreibung im Agrarbericht betont zusätzlich die Logik dahinter: Im Tal werden bereits über 90% der Agrarflächen von bio-zertifizierten Betrieben bewirtschaftet; um konkurrenzfähig zu bleiben, müsse die Wertschöpfungskette weiter optimiert werden, unter anderem durch Infrastruktur und ein integriertes Vermarktungskonzept. [2] Träger- und Koordinationsstrukturen werden ebenfalls stark gemacht: Das Projekt wird von der Associazione 100% (bio) Valposchiavo[26] getragen, einem Verein, der Teilprojekte und die Tourismusorganisation einschliesst und strategische Aufgaben übernimmt. [27]


Warum das Zusammenspiel mehr ist als ein schönes Etikett

„100% Bio“ und „100% Valposchiavo“ setzen an unterschiedlichen Stellen an – und genau daraus entsteht der Mehrwert.


Erstens zielt die Regionalmarke auf lokale Wertschöpfung und kurze Wege: In den Projektunterlagen wird die Idee geschlossener Ketten (Produktion–Verarbeitung–Konsum) explizit mit nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung verbunden, inklusive Zielen wie Reduktion von Transporten, Erhalt von Know-how und Arbeitsplätzen. [32]


Zweitens schafft die Bio-Strategie (PRE) die Voraussetzungen, damit Bio nicht nur „produziert“, sondern auch lokal verarbeitet, vermarktet und in Tourismus und Gastronomie integriert wird. [33]


Drittens ist die Kopplung von Landwirtschaft und Tourismus im Tal keine Randnotiz, sondern konzeptionell: Wissenschaftliche Arbeiten beschreiben die PRE-Logik als Teil einer breiteren „Smart Valley Bio“-Strategie, die neben Bio-Umstellung auch Ausbildung/Kompetenz (u.a. über Polo Poschiavo[34]), erneuerbare Energie und Beteiligung der Bevölkerung umfasst. [22] Andere Forschung ordnet die Entwicklung als „Transition Project“ ein, in dem sich Agrar- und Tourismusakteure über lokale Produkte annähern – mit dem langfristigen Ziel, Bio-Umstellung zu vollenden, lokale Vertriebskanäle auszubauen und Kooperationen zu stärken. [35]


Viertens wird die Strategie zunehmend „praktisch“: Digitale Bestell- und Logistiklösungen wie Mercato Valposchiavo sollen es Hotellerie, Gastronomie und Läden ermöglichen, regionale Produkte gebündelt zu bestellen, während lokale Logistikunternehmen die Verteilung koordinieren. [36] Solche Instrumente sind zwar nicht „Zertifikat“ im engeren Sinn – aber sie sind oft der entscheidende Unterbau, damit zertifizierte Produkte im Alltag tatsächlich auf Tellern und in Regalen landen. [37]


Weiterführende Links


Valposchiavo im Herbst

Quellen und Einordnung






[13] [14] Lokal, biologisch, partizipativ – Ein territorialer Entwicklungsansatz im Valposchiavo | Regionalentwicklung | regiosuisse







Blogartikelk: 100% Bio und 100% Valposchiavo

 
 
 

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