Der Weg des Kaffees: Wie die Bohne von Genua durchs Puschlav nach Zürich kam
- laura1cortesi
- vor 21 Stunden
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Wenn Sie heute in Zürich einen Kaffee bestellen, wirkt die Lieferkette meist unsichtbar: Container, Häfen, Logistiksoftware. Doch dieselbe Bohne lässt sich auch als Geschichte lesen – als Spur, die über Landesgrenzen, Pässe, Zölle und Menschenleben führt. Diese Spur beginnt plausibel in Genua: Bis heute gelangen Rohkaffeebohnen für den italienischen Markt schwergewichtig über die Häfen von Genua und Triest ins Land. [1] Gleichzeitig war Genua historisch eng mit der Schweiz verflochten – inklusive Handelsbeziehungen und sogar Bündner Zuckerbäckern, die sich dort niederliessen. [2]
Warum „durchs Puschlav“? Weil das Tal geografisch und historisch ein Transit- und Grenzraum ist: vom Berninapass hinunter Richtung Veltlin, verbunden durch alte Saumwege, später Strasse und Bahn. [3] Der Clou ist, dass Kaffee hier nicht nur „legal“ als Ware denkbar ist, sondern auch als Schmuggelgut – und zwar in industriellen Dimensionen in den 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre. [4]
Eine Einschränkung bleibt: Für ein einzelnes, konkret belegtes Kaffeeshipment „Genua → Puschlav → Zürich“ bräuchte man Fracht- und Zollakten. Diese Rekonstruktion ist deshalb ein gut begründetes Modell, das auf belegten Handels- und Verkehrsstrukturen basiert – und zeigt, wo Sie die letzten Beweise nachschlagen müssten. [5]
Der Kaffee startet am Meer
Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Kai und sehen Säcke – früher Jute, heute Big Bags – die in eine Lagerhalle wandern. Dass Rohkaffee über Genua nach Italien kommt, ist nicht nur eine historische Fantasie, sondern bis heute ein Kernstück der italienischen Kaffeelogistik: Rohkaffeebohnen gelangen „mainly“ über die Häfen von Genua und Triest ins Land; viele Handelsfirmen sitzen entsprechend in Hafennähe. [1]
Für die Schweiz ist Genua zudem seit Jahrhunderten mehr als „ein Hafen in Ligurien“. Das Historisches Lexikon der Schweiz[6] zeichnet nach, wie sich Kontakte zwischen Genua und der Schweiz bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen und im 18. Jahrhundert besonders Handelsbeziehungen prägten – inklusive Schweizer Unternehmern mit Filialen in Genua sowie Bündner Zuckerbäckern, die sich dort niederliessen. [2] Damit wird plausibel, dass „Kolonialwaren“ wie Kaffee (als importiertes Genussmittel) in den gleichen wirtschaftlichen Sphären zirkulierten wie andere überseeische Güter, die über Hafenstädte in den Alpenraum weiterwanderten. [7]
Das Puschlav als Nadelöhr
Damit Kaffee „durchs Puschlav“ gelangen kann, müssen zwei Dinge stimmen: die Geografie und die Verbindungen. Das Tal ist – ganz nüchtern – ein Nord-Süd-Raum: Das Puschlav (Val Poschiavo) erstreckt sich vom Berninapass[8] Richtung Veltlin[9]; ein See trennt oberes und unteres Tal, und der Hauptort liegt im oberen Abschnitt. [10]
Historisch ist diese „Ausrichtung“ mehr als Landschaft: Nach der Eroberung des Veltlins durch die Bündner 1512 eröffnen sich dem Tal laut HLS neue Möglichkeiten in Wirtschaft und Handel; Grenzfragen spielen dabei eine zentrale Rolle (unter anderem Grenzverlegungen und -bereinigungen mit Orten im heutigen Grenzraum). [11] Für Handelswaren bedeutet das: Das Tal ist nicht zufällig Grenz- und Kontaktzone, sondern eine Region, in der Regeln, Märkte und Alltagsökonomie immer wieder neu austariert werden mussten. [12]
Besonders anschaulich ist das heute auf der ViaValtellina[13]: Via Storia beschreibt sie als Route auf der einstigen Säumerroute des Veltliner Weins – und betont die seit je engen Beziehungen der Puschlaver zum Veltlin sowie den Handel als Kern der Gemeinsamkeiten. [14] Und Graubünden Ferien formuliert auf einer Etappe so konkret, dass man es fast als Drehbuch lesen kann: vom Bernina-Pass zur Alp Grüm, dann „Abstieg auf historischen Saumwegen“ ins „städtisch anmutende“ Poschiavo. [15] Genau diese Achse macht den Gedankensprung möglich: Was Wandernde heute als Panorama erleben, war für Warenströme eine funktionale Verbindung. [16]
Saumwege, Zölle und Schmuggel
Bevor Schienen und Asphalt die Taktung vorgaben, waren Tiere, Menschenkraft und lokale Infrastruktur entscheidend. Das HLS beschreibt die Säumerei als gewerbsmässigen Warentransport über Pässe (seit Beginn des 14. Jahrhunderts belegt, bis ins 19. Jahrhundert bedeutungsvoll) – mit Packtieren wie Pferden, Maultieren und Eseln. [17] Entlang solcher Routen entstanden „Susten“, also Anlagen, die den Transport (Lagerung, Umschlag) überhaupt erst praktikabel machten – und damit auch die Wirtschaftsrolle von Wirten, Handwerkern, Fuhrleuten und Händlern in einer Region wie dem Puschlav. [18]
Sobald Waren über Grenzen gehen, kommt der zweite Faktor dazu: Abgaben, Kontrollen, Preisunterschiede. Das HLS fasst Schmuggel ökonomisch als Umgehung von Zollstellen bzw. Verschweigen zollpflichtiger Waren, um Schranken zu überwinden und Preisgefälle auszunutzen. [19] Es betont zugleich die lange Geschichte: schon ab dem 16. Jahrhundert umfangreich, später immer wieder politisch brisant – und in Grenzregionen oft auch sozial verankert. [19]
Hier kippt die Kaffee-Geschichte in eine überraschende Richtung: In den Alpenregionen (darunter auch Graubünden) wurden laut HLS vor dem Zweiten Weltkrieg unter anderem Tabak und Kaffee nach Italien geschmuggelt – teils „mit Zustimmung“ lokaler Behörden; während des Kriegs liefen Warenströme teils umgekehrt. [20] Für das Puschlav und die Grenze zum Veltlin wird es nach 1945 massenhaft: SRF beschreibt eine „goldene Schmugglerzeit“, in der in den 1960er- und bis Mitte der 1970er-Jahre täglich „tonnenweise“ Kaffee und Zigaretten zu Fuss nach Italien getragen wurden – im Spitzenbereich 20 bis 30 Tonnen Kaffee pro Tag. [21]
Dass diese Geschichte im Tal selbst aktiv erinnert wird, zeigt ein aktuelles Kulturformat auf valposchiavo.ch: Dort ist von Männern und Frauen mit riesigen Säcken („Carga“) die Rede, die bis in die 1970er-Jahre Kaffee und Zigaretten aus der Valposchiavo ins Veltlin schmuggelten – und davon, dass Brusio wegen zahlreicher Kaffeeröstereien regelrecht nach Kaffee geduftet habe. [22] Das ist für Ihre Leserinnen und Leser ein wichtiger Punkt: Kaffee war nicht nur „Transitware“, sondern prägte als illegales Massengut Arbeitsrhythmen, Risiko und Einkommen – und hinterliess bis heute erzählbare Spuren. [23]
Vom Maultier zur Berninabahn
Damit Kaffee (legal oder illegal) überhaupt Richtung Zürich zirkulieren kann, braucht es innerschweizerisch eine verlässliche Weiterleitung. Ein Blick in die Zoll- und Verkehrslogik des 19. Jahrhunderts hilft: SRF erinnert daran, dass mit der Gründung des Bundesstaates 1848 die Binnenzölle abgeschafft wurden – nach Jahrhunderten mit hunderten Zollstationen innerhalb der Schweiz. [24] Das vereinfacht Warentransporte im Landesinnern massiv: Ab dann wird die Landesgrenze zum Hauptfilter, nicht mehr jede Kantonsgrenze. [24]
Im Puschlav selbst beschleunigen sich die Dinge in Etappen: Laut HLS wird zwischen 1842 und 1865 die Fahrstrasse über den Berninapass gebaut; 1906 (Kraftwerke) und 1908–1910 (Berninabahn) geben der lokalen Wirtschaft neuen Auftrieb. [25] Auf der Schiene kommt der grosse Sprung dann 1910: In der Chronik der Rhätische Bahn[26] steht für dieses Jahr die Eröffnung der Strecke St. Moritz–Tirano (Berninabahn). [27]
Warum ist das für „Kaffee nach Zürich“ entscheidend? Weil dadurch eine durchgehende alpine Transportlogik entsteht: Von Tirano und dem italienischen Anschlussnetz geht es über die Berninalinie ins Engadin, und ab dort weiter Richtung Chur und ins Schweizer Normalspurnetz. Dass die RhB seit 1889 „Menschen und Güter“ bewegt, formuliert sie selbst als Kern ihrer Rolle. [28] Und das HLS erklärt den politischen Hintergrund: Der Zusammenbruch des Güterverkehrs über Bündner Pässe nach der Eröffnung des Gotthardtunnels 1882 machte eine schienengebundene Erschliessung für den Kanton notwendig – zunächst für Tourismus und Landwirtschaft, aber mit klarer Verkehrslogik. [29]
Für eine Holiweek-Erzählung darf hier ein kleines, konkretes Bild nicht fehlen: Auf holiweek.ch wird ein Haus (Casa Nicola) als Ort mit langer Geschichte beschrieben – einst Raststätte für Kutschenfahrer am Berninapass, wo Pferde gewechselt wurden. [30] Es ist genau diese Art Mikro-Infrastruktur (Rast, Wechsel, Reparatur), die aus einer „Linie auf der Karte“ eine reale Warenroute macht. [31]
Was in Zürich ankommt
Jetzt sind Sie – gedanklich – in Zürich. Und hier lohnt eine zweite Perspektive: Kaffee ist nicht nur Transportgut, sondern Kulturtechnik. Das HLS verankert den frühen Schweizer Kontakt im Reisebericht: In der Schweiz macht ein Orientreisender (Johann Jakob Ammann) 1618 den „Türkentrank“ öffentlich bekannt; ab Mitte des 17. Jahrhunderts breitet sich Kaffee in Europa aus. [32] Im 19. Jahrhundert verschiebt sich Verarbeitung und Versorgung: Rohkaffee wird zunehmend in Grossröstereien verarbeitet statt in Haushalten oder direkt bei Kaffeehäusern, und nach dem Zweiten Weltkrieg wird Kaffee in der Schweiz zum Alltagsgetränk. [33]
Auch Kaffeehäuser sind hier kein „Dekor“, sondern öffentliche Räume. Ein besonders greifbarer Beleg ist eine Zeichnung von 1846, die auf e-manuscripta über die Zentralbibliothek Zürich[34] zugänglich ist: Sie verortet das Café littéraire im Roten Turm am Weinplatz und bezeichnet es als Zürcher Hauptquartier der Radikalen; im Bildkontext erscheint auch Gottfried Keller[35]. [36] (Den konkreten Gründungszeitpunkt dieses Kaffeehauses findet man in sekundären Darstellungen häufig um 1804; zur Verifikation wären Stadt- und Bauarchive oder zeitgenössische Anzeigen/Adressbücher die sauberste Quelle. [37])
Und jetzt schliesst sich der Kreis zurück ins Puschlav: Das Tal exportierte nicht nur Waren, sondern auch Kaffeehaus-Know-how. Eine valposchiavo.ch-Seite zu einer Ausstellung beschreibt, wie zwischen Mitte des 18. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Hunderte junge Bündnerinnen und Bündner als Zuckerbäcker, Kaffeemacher oder Likörhersteller auswanderten, in europäischen Grossstädten eigene Betriebe eröffneten und deren Cafés zu Treffpunkten des aufstrebenden Bürgertums wurden. [38] Swissinfo ordnet dieselbe Bewegung journalistisch ein: Von ausgewanderten Bündner:innen geführte Kaffeehäuser breiten sich im 19. Jahrhundert in grossen europäischen Städten aus und werden zu kulturellen und gesellschaftlichen Zentren – mit starkem Anteil aus dem italienischsprachigen Poschiavo. [39]
Das ist für Ihre Leserführung zentral: Selbst wenn nicht jede einzelne Bohne „über den Bernina“ nach Zürich kam, kam ein Stück Kaffeehaus-Europa aus dem Puschlav nach Europa – und als Idee wieder zurück. [40]
Spuren heute
Wenn Sie diese Geschichte heute „nachgehen“ wollen, müssen Sie nicht in Archiven starten – Sie können zu Fuss anfangen. Die ViaValtellina führt auf historischen Saumwegen nach Poschiavo, und in der Beschreibung der Anschluss-Etappen tauchen sogar „Spuren der ehemaligen Schmugglerpfade“ auf (inklusive Hinweis auf einen nicht besetzten Grenzposten „La Dogana“). [16] Damit wird aus der Schmugglergeschichte kein Mythos, sondern etwas, das sich topografisch nachvollziehen lässt. [41]
Parallel dazu arbeitet das Tal seine Migrations- und Kaffeehausgeschichte bewusst auf: Valposchiavo Turismo verweist auf „Home Stories“, einen audiovisuellen Spaziergang mit QR-Codes durch den Borgo von Poschiavo – auf den Spuren der Zuckerbäckerfamilien; die Auswanderung wird als prägend für Wirtschaft und Gesellschaft beschrieben, weil Rückkehrende Kapital und neue Ideen mitbrachten. [42] Musei Valposchiavo ergänzt diese Perspektive museal: In der Sonderausstellung zu den Zuckerbäckern wird ein Teil des Museums zum „Café Suizo“ – inklusive Kaffee und nach historischen Rezepturen gebackenen Süssigkeiten. [43]
Und schliesslich gibt es – ganz gegenwartsnah – sogar wieder einen Ort, an dem Sie den „Rohkaffee“ sinnlich erleben können: Valposchiavo bewirbt eine Kaffeerösterei (Cafè Bernina), wo man sehen kann, wie grüner Kaffee gemischt und geröstet wird. [44] Für eine Holiweek-Lesersprache ist das ein starkes Ende: Die Bohne ist nicht nur Geschichte, sie riecht – heute genauso wie damals. [45]
Weiterführende Links
Destination & Hintergrund: https://valposchiavo.ch
Eventübersicht 2026: https://valposchiavo.ch/de/events
Holiweek: https://www.holiweek.ch

Blogartikel: Der Weg des Kaffees: Wie die Bohne von Genua durchs Puschlav nach Zürich kam
Quellen:
[4] [21] [52] https://www.srf.ch/audio/geschichte/tonnenweise-kaffee-und-zigaretten-goldene-schmugglerzeit-im-val-poschiavo?id=3a4aaee4-0141-4cc6-85ea-3fcc6fbe07af
[13] [55]https://uzb.swisscovery.slsp.ch/discovery/fulldisplay/alma990084076180205508/41SLSP_UZB%3AUZB
[22] [23] [56] https://valposchiavo.ch/de/aktiv-sein-im-tal/kunst-und-kultur/agenda-valposchiavo/sconfini/museumsticket-contrabbando-culturale
[24] https://www.srf.ch/news/wirtschaft/zollstreit-in-der-schweiz-als-kantonale-zoelle-den-handel-behinderten
[34] [38] [40] https://valposchiavo.ch/de/aktiv-sein-im-tal/kunst-und-kultur/zuckerbacker-und-auswanderung/puschlaver-abenteuer-in-europa
[37] https://cosmopolis.ch/de/hotel-storchen-zuerich-das-aelteste-hotel-der-stadt-mit-einer-ueber-660jaehrigen-geschichte/
[39] https://www.swissinfo.ch/ger/swiss-abroad/als-sich-europas-elite-in-den-schweizer-caf%C3%A9s-ausgewanderter-b%C3%BCndnerinnen-traf/87475310
[44] [45] [49] https://valposchiavo.ch/en/destination/100-valposchiavo/angebote-100-valposchiavo/coffee-roastery-cafe-bernina
[48] https://valposchiavo.ch/de/aktiv-sein-im-tal/kunst-und-kultur/home-stories-ein-blick-hinter-die-fassaden



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