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Mehr Bauern als Hoteliers? So sieht die Erwerbsstruktur im Puschlav wirklich aus

Wenn Sie ans Puschlav denken, sehen Sie vielleicht zuerst die Berninabahn, den Lago di Poschiavo, kleine Hotels, schöne Dorfkerne und stille Ferienhäuser. Kurz: Tourismus. Doch genau hier lohnt sich ein zweiter Blick. Denn das Valposchiavo ist wirtschaftlich weit mehr als eine Ferienkulisse. Und die Zahlen zeigen etwas, das viele überrascht: Im Puschlav arbeiten tatsächlich mehr Menschen in der Landwirtschaft als in der Beherbergung.


Das ist bemerkenswert. Denn in vielen Alpentälern hat der Tourismus längst alles überlagert. Hotels, Restaurants, Bergbahnen, Dienstleistungen – oft dreht sich fast alles um den Gast. Im Puschlav ist das anders. Hier ist die Wirtschaft breiter abgestützt. Genau das macht das Tal so besonders.


Ein Tal, das nicht nur vom Tourismus lebt


Die Region Bernina – also Poschiavo und Brusio – zählte 2023 insgesamt rund 3’288 Beschäftigte. Davon arbeiteten 10,9 % im Primärsektor, also in Landwirtschaft, Forstwirtschaft und ähnlichen Bereichen. Das Gastgewerbe, also Beherbergung und Gastronomie zusammen, kam auf 7,1 %.


Noch klarer wird es, wenn man genauer hinschaut:Im Primärsektor waren 2023 rund 358 Personen beschäftigt. In der Beherbergung allein waren es 128, zusammen mit der Gastronomie 234. Auch dann liegt die Landwirtschaft noch vorne.


Mit anderen Worten: Wer durchs Puschlav reist, bewegt sich durch ein Tal, das nicht in erster Linie für Gäste inszeniert ist. Es ist ein Tal, das zuerst einmal lebt, arbeitet und produziert – und gerade deshalb für Gäste so authentisch wirkt.


Warum das Puschlav anders tickt


In vielen Schweizer Regionen dominiert heute der Dienstleistungssektor. Schweizweit entfielen 2023 77 % aller Arbeitsplätze auf Dienstleistungen, während der Primärsektor nur noch 2,8 % ausmachte. Im Puschlav sieht das deutlich anders aus: Der Anteil der Landwirtschaft ist fast viermal so hoch wie im Landesdurchschnitt.


Das allein macht die Region schon besonders. Doch es kommt noch etwas dazu: Das Puschlav ist nicht nur landwirtschaftlich stark, sondern auch überraschend sekundär geprägt. 2023 entfielen 33,5 % aller Arbeitsplätze auf Industrie und Bau. Das ist für ein kleines Alptal ein hoher Wert.


Gerade die Energieversorgung spielt hier eine wichtige Rolle. Allein in diesem Bereich arbeiteten 2023 rund 211 Personen, dazu kommt ein starker Bausektor mit insgesamt 332 Beschäftigten. Das erklärt, warum das Puschlav wirtschaftlich robuster und vielfältiger wirkt als viele klassische Tourismusdestinationen.


Mehr Wandel als man denkt


Auch im Puschlav hat sich die Arbeitswelt verändert. Zwischen 2011 und 2023 stieg die Gesamtbeschäftigung von rund 2’625 auf 3’288 Personen. Das ist ein Wachstum von etwa 25 %.


Natürlich ist auch hier der Dienstleistungssektor gewachsen. Sein Anteil stieg von 50,9 % im Jahr 2011 auf 55,7 % im Jahr 2023. Gleichzeitig sank der Anteil des Primärsektors leicht von 12,2 % auf 10,9 %. Trotzdem blieb die Landwirtschaft im Tal stark präsent – und vor allem sichtbar.


Interessant ist dabei: Die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitsstätten ging zwar zurück, von 108 im Jahr 2011 auf 87 im Jahr 2023. Die Zahl der Beschäftigten im Primärsektor stieg im gleichen Zeitraum aber von 320 auf 358. Das deutet auf eine Entwicklung hin, die viele Bergregionen kennen: weniger Betriebe, aber professioneller, spezialisierter und wirtschaftlich stabiler.


Auch das Gastgewerbe ist gewachsen. In der Beherbergung stieg die Beschäftigung von 94 auf 128, in der Gastronomie von 65 auf 106. Zusammen ergibt das im Gastgewerbe ein Plus von fast 47 % seit 2011. Der Tourismus ist also wichtig – aber eben nicht alles.


Genau das spürt man als Gast


Vielleicht ist das der eigentliche Kern. Im Puschlav sind Landwirtschaft, Handwerk, Energie, Bau und Dienstleistungen noch so eng miteinander verflochten, dass das Tal nicht wie eine reine Tourismusbühne wirkt. Es gibt Höfe, Verarbeitungsbetriebe, lokale Produzenten, Bauunternehmen, Energieinfrastruktur, kleine Hotels und Restaurants – und all das existiert nicht nur wegen der Feriengäste.


Das verändert auch die Art, wie man das Tal erlebt. Wer hier unterwegs ist, begegnet nicht nur Gastgebern, sondern einer echten regionalen Struktur. Einer funktionierenden Alltagswelt. Einer Wirtschaft, die noch Substanz hat.


Ein Beispiel dafür ist die Landwirtschaft selbst: Im Valposchiavo gibt es Betriebe, die nicht nur produzieren, sondern auch verarbeiten und dadurch mehr Wertschöpfung im Tal behalten. Ein von Bio Suisse porträtierter Betrieb bewirtschaftet 11 Hektaren auf über 70 Parzellen und beschäftigt 10 feste Mitarbeitende sowie in der Erntezeit bis zu 40 Saisonkräfte. Solche Beispiele zeigen, dass Landwirtschaft hier nicht nostalgisch ist, sondern wirtschaftlich relevant bleibt.


Auf der anderen Seite stehen kleine, arbeitsintensive Hotelbetriebe. Das Hotel Le Prese etwa verfügt über 28 Zimmer. Häuser dieser Grössenordnung prägen das Tal: klein, persönlich, oft familiennah geführt – und doch wichtig für die Beschäftigung.


Der Vergleich mit anderen Tälern zeigt erst, wie speziell das ist


Besonders deutlich wird die Eigenart des Puschlavs im Vergleich mit anderen Alpenregionen. In der Region Engiadina Bassa / Val Müstair lag der Anteil des Tertiärsektors 2023 bei 73,6 %, das Gastgewerbe allein machte dort 19,6 % aller Arbeitsplätze aus. Im Puschlav waren es, wie erwähnt, nur 7,1 % im Gastgewerbe.

Auch die Surselva ist deutlich stärker dienstleistungs- und tourismusgeprägt. Dort lag der Anteil des Gastgewerbes 2023 bei rund 14 %. Das ist etwa doppelt so viel wie im Puschlav.


Das heisst nicht, dass das Puschlav weniger gastfreundlich oder touristisch unbedeutend wäre. Im Gegenteil. Es bedeutet nur, dass hier noch etwas erhalten geblieben ist, das in vielen Regionen verloren ging: eine balancierte Wirtschaftsstruktur.


Bereich

Puschlav 2023 (Region Bernina)

Vergleich 2023 (Engiadina Bassa/Val Müstair)

Schweiz 2023

Landwirtschaft/Primärsektor

10,9%

8,3%

2,8%

Industrie & Bau/Sekundärsektor

33,5%

18,1%

≈20,2%

Gastgewerbe (55–56)

7,1%

19,6%

≈4,6%

Öffentliche Dienste* (84–88)

≥13,7%

≥18,5%

≈25,6%

Übrige Dienstleistungen (Rest)

≈34,8%

≈35,5%

≈46,8%


Vielleicht ist genau das seine eigentliche Stärke


Wenn ein Tal nicht ausschliesslich vom Tourismus abhängig ist, verändert das vieles. Es macht eine Region unabhängiger von Saisonspitzen, Krisen und kurzfristigen Trends. Es stützt das Dorfleben, lokale Berufe, handwerkliche Strukturen und regionale Produkte. Und es sorgt dafür, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Marketingbegriff bleibt, sondern im Alltag verankert ist. Diese Einordnung lässt sich aus der Branchenstruktur und den regionalen Entwicklungsprogrammen gut ableiten.


Gerade für Gäste ist das spannend. Denn das, was das Puschlav so besonders macht, ist nicht nur die Landschaft. Es ist die Tatsache, dass dieses Tal noch mehr ist als eine Destination. Es ist Lebensraum, Produktionsraum, Kulturraum – und erst dann auch Ferienraum.


Und vielleicht liegt genau darin seine grösste Qualität: Dass man hier nicht das Gefühl hat, an einem Ort zu sein, der für Besucher gebaut wurde. Sondern an einem Ort, der sich selbst treu geblieben ist.


Statistik Erwerbsstruktur Valposchiavo

Weiterführende Links


Quellen: Mehr Bauern als Hoteliers? So sieht die Erwerbsstruktur im Puschlav wirklich aus

[1] [2] [3] [5] [6] [7] [10] [11] [19] Graubünden

[4] Region Bernina

[9] [18] [20] 01_Medienmitteilung

[12] [13] [17] Valposchiavo: Das Schweizer Alpental auf dem Weg zu 100

[14] [15] Zimmer und Preise

[16] [22] Regione Bernina

[23] 100% Bio und 100% Valposchiavo: Wie das Puschlav ...

 
 
 

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