Schmuggler im Puschlav: Als täglich Tonnen Kaffee über die Grenze gingen
Schmuggler im Puschlav: Das klingt nach Abenteuerroman, ist aber ein echtes Stück Talgeschichte, an das sich viele Einheimische noch erinnern. Wo heute Wanderer, Familien und Zugfans unterwegs sind, trugen noch vor wenigen Jahrzehnten Männer schwere Säcke voller Kaffee und Zigaretten über schmale Bergpfade nach Italien. Dieser Beitrag erzählt die Geschichte, liefert die Zahlen dazu und zeigt, wie aus dem Grenztal von damals eine der nachhaltigsten Regionen der Schweiz geworden ist.
Wir sind selbst im Valposchiavo zu Hause und freuen uns, euch ein Tal zu zeigen, das mehr zu erzählen hat, als man auf den ersten Blick denkt.
Das Wichtigste in Kürze
20 bis 30 Tonnen Kaffee pro Tag: So viel wurde laut SRF Zeitblende zu den besten Zeiten über die grüne Grenze ins Veltlin gebracht, dazu rund eine Tonne Zigaretten.
1960er bis Mitte der 1970er Jahre: Die Blütezeit des Schmuggels im Puschlav. Schmuggel über die Grenze gab es laut swissinfo.ch aber schon im 19. Jahrhundert.
Rund 100 Millionen Franken: Allein 1969 flossen laut SRF diese Steuereinnahmen. Damit wurde einem von 20 Pensionierten in der Schweiz die Rente bezahlt.
Knapp 25 Kilometer: So lang ist das Tal laut Wikipedia. Es fällt von 2300 auf 550 Meter über Meer.
Über 90 Prozent Bio: Die meisten Bauernbetriebe im Puschlav bewirtschaften laut Wikipedia über 90 Prozent der Agrarflächen ökologisch.
Das Puschlav: Ein Tal an der Grenze
Das Puschlav ist ein italienischsprachiges Südtal im Kanton Graubünden. Es beginnt hoch oben am Berninapass und führt über rund 25 Kilometer hinunter bis an die italienische Grenze bei Campocologno. Laut Wikipedia fällt es dabei von 2300 auf 550 Meter über Meer. Wer das Tal von oben nach unten durchfährt, erlebt auf kurzer Strecke mehrere Vegetationszonen: Zwischen Berninapass und Alp Grüm liegt die hochalpine Zone, von Cavaglia bis Le Prese die alpine und von Brusio bis Campocologno die subalpine Zone.
Gerade diese Lage macht das Tal so besonders. Südlich der Grenze liegt das italienische Veltlin, und was auf der einen Seite günstiger oder knapper war, fand seinen Weg auf die andere. Der Schmuggel ist deshalb kein Zufall, sondern eine Folge der Geografie.
Auch die Sprache erinnert daran, dass das Tal immer ein Grenzraum war. Die Umgangssprache ist laut Wikipedia das Pus'ciavin, ein alpinlombardischer Dialekt. Wer im Dorfladen oder im Café zuhört, merkt schnell, dass man hier näher an Italien ist als an Zürich, auch wenn man sich auf Schweizer Boden befindet.
Zahlen zum Tal
Rund 5000 Einwohner: So viele Menschen leben laut House of Switzerland im gesamten Tal.
Über 50 Prozent der Arbeitsplätze: Sie gehörten im Jahr 2000 laut Wikipedia (Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz) dem Dienstleistungssektor an.
Rund 50 Bauernbetriebe: Das Tal zählt laut House of Switzerland ungefähr so viele landwirtschaftliche Betriebe.
44 Kilometer Hochspannungsleitung: Seit 2005 in Betrieb, laut Wikipedia. Das Puschlav ist auch ein Energietal.
Schmuggler im Puschlav: Wie alles begann
Der Schmuggel zwischen dem Puschlav und dem Veltlin ist alt. Laut swissinfo.ch überquerten vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre Salz, Tabak, Reis, Kaffee und Zigaretten illegal die Grenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Zigaretten und Kaffee.
Diese traditionellen Schmuggler trugen ihre Pakete auf dem Rücken über die schmalen Bergpfade. Ein Dorf spielte dabei eine besondere Rolle: Viano, auf 1200 Metern über Meer an der Grenze zwischen Puschlav und Veltlin. Dort ging es laut swissinfo.ch zu wie auf einem grossen Markt. Gehandelt wurde mit Reis, aber auch mit Schreibmaschinen und Handorgeln.
Der Grenzwächter erzählt
Domenic Gisep war zwischen 1940 und 1944 Schweizer Grenzwächter im Puschlav. Seine Erinnerungen, die swissinfo.ch festgehalten hat, zeigen den Alltag an der Grenze. Für den Weg zum Lehrer brauchte er damals drei Stunden zu Fuss. Das Tal war abgelegen, und die Grenze prägte das Leben der Menschen auf beiden Seiten.
Man muss sich das vorstellen: Während Europa im Krieg stand, war das Puschlav ein stilles Tal mit einer Grenze, die gleichzeitig trennte und verband. Reis, Salz und andere knappe Waren wechselten heimlich die Seite, und wer sie trug, riskierte viel.
Die goldene Zeit: Tonnenweise Kaffee und Zigaretten
In den 1960er Jahren und bis Mitte der 1970er Jahre erlebte das Puschlav laut SRF die Blütezeit des Schmuggels. Die Zahlen aus der Sendung Zeitblende sind beeindruckend:
20 bis 30 Tonnen Kaffee: Pro Tag, zu den besten Zeiten, über die grüne Grenze ins Veltlin. Und das zu Fuss.
Etwa 1 Tonne Zigaretten: Ebenfalls pro Tag, in den besten Zeiten.
Rund 100 Millionen Franken: Steuereinnahmen allein im Jahr 1969, laut SRF.
1 von 20 Pensionierten: Bei so vielen Rentnerinnen und Rentnern in der Schweiz wurde die Rente damit finanziert.
Bemerkenswert ist ein Detail: Die Schweizer Behörden tolerierten den Schwarzhandel laut SRF. Der Grund liegt auf der Hand. Auf Schweizer Seite war alles legal, der Kaffee wurde ordentlich importiert, geröstet und versteuert. Illegal wurde es erst auf dem Weg nach Italien.
Brusio, das Zentrum der Kaffeeröstereien
Laut swissinfo.ch wurden die Kaffeebohnen in den 1970er Jahren in Brusio in sechs oder sieben Röstereien zubereitet. Von dort aus ging es weiter: Die Kaffeesäcke wurden mit Jeeps, Pferden, Maultieren und Seilbahnen den Bergen entlang weiterverfrachtet. Oben warteten Dutzende italienische Schmuggler, die die Ware ins Veltlin brachten.
Wer als Kind in Brusio aufgewachsen ist, erinnert sich an den Duft von geröstetem Kaffee im Dorf. Als er den Kindern Anfang der 1970er Jahre in die Nase stieg, neigten sich die Jahre des Kaffees laut swissinfo.ch bereits ihrem Ende entgegen.
Wie der Kaffee überhaupt ins Puschlav kam, haben wir in einem früheren Beitrag beschrieben: Die Bohne reiste von Genua durch das Tal bis nach Zürich. Schmuggel und legaler Kaffeehandel gehören im Valposchiavo zusammen.
Gefährliche Pfade: Der Preis des Schmuggels
So romantisch die Geschichten heute klingen, so hart war die Realität. Laut swissinfo.ch hatte der Schmuggel auch Gewalt und Tote zur Folge, sowohl unter den Grenzwächtern als auch bei den Warenträgern. Die Wege führten über steile, schmale Bergpfade, oft nachts und bei jedem Wetter. Wer eine schwere Last auf dem Rücken trägt, hat auf einem Grat wenig Spielraum.
Auch deshalb ist es heute so eindrücklich, diese Pfade bei Tageslicht zu begehen. Die Landschaft ist dieselbe, die Stimmung ist eine ganz andere. Aus den Wegen der Warenträger sind Wanderrouten geworden, auf denen Familien mit Kindern unterwegs sind.
Vom Grenztal zur Bio-Region: Das Puschlav heute
Mit dem Ende des grossen Schmuggels veränderte sich das Tal. Heute steht ein anderes Thema im Vordergrund: Herkunft und Nachhaltigkeit. Die Zahlen sprechen für sich.
Landwirtschaft und Produkte
Über 90 Prozent Bio: Die meisten Bauernbetriebe sind laut Wikipedia bio-zertifiziert und bewirtschaften über 90 Prozent der Agrarflächen ökologisch.
Über 95 Prozent: UN Tourism nennt für Bio-Suisse-zertifizierte Betriebe sogar mehr als 95 Prozent der Landwirtschaftsfläche. Je nach Quelle und Jahr unterscheiden sich die Angaben also leicht.
60 lokale Produzenten: Sie beteiligen sich laut House of Switzerland an der Marke 100% Valposchiavo.
Tourismus
70 Prozent der Übernachtungen: Sie entfallen laut UN Tourism auf Hotels.
Rund 21 Prozent Auslastung: Das ist die ganzjährige Auslastung laut UN Tourism. Es bleibt also viel Platz, auch im Sommer.
2008: Die Berninabahn wurde zum UNESCO-Welterbe erklärt. Gebaut wurde sie zwischen 1908 und 1910 und erschliesst das Tal seither in seiner ganzen Länge.
Das ist auch eine gute Nachricht für Familien: Das Tal ist ruhig, überschaubar und weit entfernt vom Massentourismus. Die Ziele des Tals sind laut UN Tourism klar formuliert: eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu sichern und die Abwanderung zu stoppen.
Ein Tal mit eigener Geschichte
Wer die Schmugglergeschichte versteht, versteht auch, wie eigenständig das Puschlav immer war. Einige Eckdaten aus der Talgeschichte laut Wikipedia:
1408: Das Tal stellt sich unter die Gerichtshoheit des Bischofs von Chur und tritt dem Gotteshausbund bei.
1642: Die Drei Bünde greifen ein und erzwingen eine Einigung nach dem Streit zwischen Protestanten und Katholiken.
1851: Brusio wird von Poschiavo unabhängig.
1852: Die Zeitung Il Grigione Italiano erscheint erstmals.
1968: Bis dahin blieben die öffentlichen Schulen nach Konfession getrennt, die Kindergärten sogar bis 1990.
Rund 10 Prozent: So gross war 2013 der Anteil der Protestanten an der Talbevölkerung.
Tipps für euren Besuch: Auf den Spuren der Grenze
Ihr müsst keine Kaffeesäcke tragen, um die Geschichte zu erleben. Drei einfache Ideen:
Mit der Berninabahn ins Tal: Die Fahrt führt von 2300 Metern hinunter in die Talsohle und zeigt, wie steil die Grenzlandschaft ist.
Geführte Schmugglerwanderung: Die NZZ hat über eine Wanderung mit einem ehemaligen Schmuggler und einem ehemaligen Zöllner im Valposchiavo berichtet. Erkundigt euch bei Valposchiavo Turismo, ob und wann solche Touren aktuell angeboten werden.
Einkehr in Brusio und Poschiavo: Probiert regionale Produkte aus dem Bio-Tal und fragt die Einheimischen nach ihren Geschichten. Viele haben eine.
Gerade im Spätherbst und Winter ist das Tal ruhig, und es bleibt Zeit für Gespräche. Für Kinder ist die Vorstellung, dass hier einmal Tonnen von Kaffee über die Berge getragen wurden, ein spannender Einstieg in die Geschichte, und für Erwachsene ein guter Anlass, das Tal mit anderen Augen zu sehen.
Euer Ausgangspunkt: Ferienhäuser von Holiweek
Wenn ihr das Valposchiavo selbst entdecken möchtet, findet ihr bei uns das passende Zuhause auf Zeit: Casa Beni, Casa Rustico, Casa Nicola, Casa Presa Daint, Casa The View und die Wohnung in Poschiavo. Alle Unterkünfte eignen sich für Familien, die ein ruhiges Tal mit viel Geschichte suchen.
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